Welche Gebäudeschadstoffe kommen am häufigsten vor? Diese Frage ist vor Sanierungen, Umbauten und Abbruchmaßnahmen besonders wichtig. In Bestandsgebäuden können zahlreiche Schadstoffe vorhanden sein, die sich weder am Baujahr noch am Aussehen eines Bauteils zuverlässig erkennen lassen. Zu den typischen Verdachtsstoffen gehören insbesondere Asbest, alte Mineralwolle, PCB, PAK, PCP und Lindan sowie weitere chemische Belastungen.
Entscheidend ist deshalb nicht, jedes ältere Gebäude pauschal als schadstoffbelastet einzustufen. Vielmehr müssen Baualter, verwendete Baustoffe, Nutzung, Umbauhistorie und die konkret geplanten Eingriffe gemeinsam betrachtet werden. Eine systematische Schadstofferkundung kann verhindern, dass belastete Materialien während der Bauausführung überraschend entdeckt oder Beschäftigte und Gebäudenutzer unnötig exponiert werden.
1. Asbest – einer der wichtigsten Gebäudeschadstoffe im Bestand
Asbest gehört zu den bekanntesten Schadstoffen in Bestandsgebäuden. Das Material wurde wegen seiner technischen Eigenschaften über Jahrzehnte in zahlreichen Bauprodukten eingesetzt. Neben klassischen Asbestzementprodukten können beispielsweise Bodenbeläge, Kleber, Spachtelmassen, Putze, Dichtungen, Brandschutzprodukte und weitere Baustoffe betroffen sein.
Gerade schwach gebundene oder bei Bearbeitung freigesetzte Asbestfasern stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Für die Planung von Sanierungs- und Abbruchmaßnahmen ist deshalb eine fachkundige Erkundung besonders wichtig. Anforderungen an Tätigkeiten mit Asbest ergeben sich insbesondere aus der Gefahrstoffverordnung und der TRGS 519.
2. Künstliche Mineralfasern – alte Mineralwolle in Dämmstoffen
Künstliche Mineralfasern, kurz KMF, finden sich besonders häufig in Wärme-, Schall- und Brandschutzdämmungen. Bei älteren Mineralwolleprodukten kann es sich um sogenannte alte Mineralwolle handeln. Bei Ausbau und Bearbeitung können Fasern und Stäube freigesetzt werden.
Typische Fundstellen sind Dachbereiche, Fassaden, technische Dämmungen, abgehängte Decken, Installationsschächte und Hohlräume. Für Tätigkeiten mit alter Mineralwolle enthält insbesondere die TRGS 521 Schutzmaßnahmen und Hinweise für die Praxis.
3. PCB – problematisch vor allem in bestimmten Bauprodukten
Polychlorierte Biphenyle wurden unter anderem in dauerelastischen Fugendichtungsmassen und bestimmten Beschichtungen eingesetzt. PCB können aus belasteten Primärquellen in die Raumluft übergehen und sich anschließend auf anderen Materialien ablagern. Dadurch können sogenannte Sekundärkontaminationen entstehen.
Bei Gebäuden aus entsprechenden Bauperioden sollten insbesondere Fugenmaterialien und auffällige Beschichtungen in die Erkundungsstrategie einbezogen werden. Bei einer Bewertung reicht es nicht immer aus, nur das ursprünglich PCB-haltige Produkt zu betrachten; Nutzung und mögliche Raumluftbelastung können ebenfalls relevant sein.
4. PAK – häufig in teerhaltigen Materialien
Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, können insbesondere in teerhaltigen Produkten vorkommen. Im Gebäudebestand sind beispielsweise bestimmte Klebstoffe unter Parkett oder anderen Bodenaufbauten sowie Abdichtungs- und Beschichtungsmaterialien typische Verdachtsbereiche.
Schwarze oder dunkle Materialien sind allerdings nicht automatisch PAK-belastet. Eine belastbare Bewertung erfordert eine fachgerechte Probenahme und Laboranalyse. Für Sanierungsplanung und Entsorgung ist außerdem die genaue Zuordnung des betroffenen Materials wichtig.
5. PCP und Lindan – Holzschutzmittel als Altlast im Gebäude
Pentachlorphenol (PCP) und Lindan wurden insbesondere als Bestandteile älterer Holzschutzmittel eingesetzt. Belastungen können beispielsweise bei behandelten Holzkonstruktionen auftreten. Je nach Situation können nicht nur die behandelten Bauteile selbst, sondern auch Raumluft und Staub für die Bewertung relevant sein.
Bei auffälligen Holzoberflächen, bekannten Holzschutzmaßnahmen oder entsprechenden Bau- und Sanierungszeiträumen sollte geprüft werden, ob eine gezielte Untersuchung erforderlich ist.
6. Weitere relevante Schadstoffe im Gebäudebestand
Neben den besonders bekannten Schadstoffgruppen können weitere Belastungen auftreten. Dazu gehören beispielsweise Formaldehyd, bestimmte Schwermetalle wie Blei, Schimmelpilzbelastungen und je nach Gebäude, Nutzung und Baustoffen weitere Gefahrstoffe. Auch kontaminierte Bereiche infolge früherer gewerblicher oder industrieller Nutzung müssen gesondert betrachtet werden.
Typische Schadstoffgruppen bei der Gebäudeerkundung
Asbest in unterschiedlichen Bauprodukten
alte Mineralwolle beziehungsweise KMF
PCB in Fugendichtstoffen und anderen Produkten
PAK in teerhaltigen Klebern und Baustoffen
PCP und Lindan in älteren Holzschutzmitteln
Formaldehyd und weitere chemische Innenraumbelastungen
Schwermetalle wie Blei in bestimmten Beschichtungen und Materialien
mikrobielle Belastungen wie Schimmel bei Feuchteproblemen
7. Das Baujahr liefert Hinweise – aber keinen sicheren Schadstoffbefund
Das Baujahr ist für eine Schadstofferkundung ein wichtiger Ausgangspunkt. Es ermöglicht Rückschlüsse darauf, welche Baustoffe und Produkte in einer bestimmten Bauperiode typischerweise verwendet wurden. Es ersetzt jedoch keine Untersuchung. Gebäude wurden häufig mehrfach saniert, erweitert oder umgebaut. Ein einzelnes Objekt kann deshalb Materialien aus unterschiedlichen Jahrzehnten enthalten.
Eine professionelle Erkundungsstrategie kombiniert deshalb Dokumentenprüfung, Ortsbegehung, Bauteilkenntnis, Verdachtsbewertung und gezielte Probenahme.
8. Warum Schadstoffe vor Sanierung und Abbruch erkundet werden sollten
Wer Schadstoffe erst während der Bauausführung entdeckt, riskiert Baustillstände, zusätzliche Kosten und ungeplante Schutzmaßnahmen. Zudem können Beschäftigte gefährdet und kontaminierte Materialien falsch behandelt oder entsorgt werden. Eine möglichst frühzeitige Erkundung schafft dagegen eine belastbare Grundlage für Ausschreibung, Arbeitsverfahren, Schutzmaßnahmen, Terminplanung und Entsorgung.
Besonders bei Arbeiten im Bestand sollte die Schadstofferkundung deshalb als Teil der Projektvorbereitung verstanden werden und nicht erst beginnen, wenn beim Rückbau ein verdächtiger Baustoff sichtbar wird.
9. Wie läuft eine systematische Schadstofferkundung ab?
Am Anfang steht die Erfassung der Gebäudedaten und der geplanten Baumaßnahme. Danach werden vorhandene Unterlagen geprüft und potenziell schadstoffverdächtige Bauteile identifiziert. Auf dieser Grundlage wird ein Probenahmekonzept entwickelt. Repräsentative Materialproben werden fachgerecht entnommen, dokumentiert und durch geeignete Fachlabore untersucht.
Die Laborergebnisse müssen anschließend fachlich bewertet und den untersuchten Bauteilen beziehungsweise Bereichen eindeutig zugeordnet werden. Das Ergebnis kann beispielsweise in einem Schadstoffkataster oder Schadstoffgutachten dokumentiert werden.
10. Probenahme ist mehr als nur ein Stück Material abzuschneiden
Eine aussagekräftige Untersuchung hängt wesentlich von der Qualität der Probenahme ab. Die Probe muss den richtigen Baustoff beziehungsweise Schichtaufbau repräsentieren. Entnahmestelle, Material, Probenbezeichnung und räumliche Zuordnung müssen nachvollziehbar dokumentiert werden. Gleichzeitig sind bei der Probenahme geeignete Schutzmaßnahmen erforderlich.
Fehler bei der Probenstrategie können dazu führen, dass relevante Schadstoffe übersehen oder Laborergebnisse falsch auf größere Bauteilbereiche übertragen werden. Deshalb sind Baustoffkenntnis und eine systematische Verdachtsbewertung genauso wichtig wie die eigentliche Laboranalyse.
11. Vom Laborbefund zum Schadstoffkataster
Ein Laborbefund beantwortet zunächst nur, was in der untersuchten Probe nachgewiesen wurde. Für ein brauchbares Schadstoffkataster muss daraus eine bauteil- und projektbezogene Bewertung entstehen. Dazu gehören Fundort, Materialbeschreibung, Untersuchungsergebnis, räumliche Ausdehnung und gegebenenfalls Hinweise für weitere Planung und Maßnahmen.
Gerade bei größeren Gebäuden sollte die Dokumentation so strukturiert sein, dass Planer, Bauleiter, Auftraggeber und ausführende Unternehmen die betroffenen Bereiche später eindeutig wiederfinden können.
12. Welche Qualifikation ist für die Schadstofferkundung wichtig?
Die erforderliche Qualifikation hängt von Stoff, Tätigkeit und konkretem Aufgabenbereich ab. Wer professionell mit Gebäudeschadstoffen arbeitet, benötigt neben Kenntnissen über Gefahrstoffe insbesondere Wissen über typische Fundstellen, Probenahmestrategien, Arbeitsschutz, Bewertung von Laborbefunden und die rechtlichen Rahmenbedingungen.
Die TRGS 524 Schulung der Fleming Akademie behandelt den Umgang mit kontaminierten Bereichen und Gebäudeschadstoffen praxisorientiert. Für Tätigkeiten mit Asbest sind zusätzlich die jeweils einschlägigen Anforderungen der TRGS 519 zu beachten; hierzu bietet die Fleming Akademie unter anderem den Sachkundelehrgang nach TRGS 519 Anlage 3 an.
13. Fazit: Die häufigsten Gebäudeschadstoffe systematisch betrachten
Zu den besonders relevanten Gebäudeschadstoffen gehören Asbest, alte Mineralwolle beziehungsweise KMF, PCB, PAK sowie PCP und Lindan. Daneben können je nach Gebäude weitere Schadstoffe und Innenraumbelastungen eine Rolle spielen.
Eine belastbare Schadstofferkundung beginnt deshalb nicht mit einer einzelnen Laborprobe, sondern mit einer systematischen Betrachtung des Gebäudes. Baujahr, Nutzung, Bauteile, Umbauhistorie und geplante Eingriffe bestimmen, welche Materialien untersucht werden sollten. Je früher diese Fragen geklärt werden, desto besser lassen sich Arbeitsschutz, Kosten, Ausschreibung und Bauablauf planen.
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